Leseprobe: Fantasy im Disney Stil
Juliane Corvin
Juliane wurde in einer unscheinbaren Küstenstadt geboren, doch schon früh spürte sie, dass ihr Leben mehr sein würde als das stille Beobachten hinter Büchern. Jahre als Bibliothekarin schärften ihren Sinn für verborgene Geschichten und uralte Geheimnisse, die zwischen den Zeilen schlummerten. Auf ihren Reisen durch Europa entdeckte sie Spuren vergessener Legenden, die sie wie Puzzlestücke zu einem größeren Bild zusammensetzte. Trotz aller Widrigkeiten ließ sie sich nie entmutigen, sondern verwandelte Zweifel in stille Entschlossenheit. Heute steht sie an der Schwelle zu einem Abenteuer, das nicht nur ihre eigene Geschichte verändern, sondern auch das Schicksal vieler anderer prägen wird.
Kapitel 1
Juliane stand am Rand einer Lichtung, die eher den Eindruck machte, als hätte der Wald
beschlossen, sich hier kurzerhand selbst die Haare zu schneiden. Ein alles verschluckendes Dach aus
uralten Buchen und Eichen öffnete sich unerwartet zu einem kreisrunden Platz, in dessen Mitte ein
Steinblock stand, so kantig und unbeeindruckt, als sei er seit Jahrtausenden nur dafür hier abgestellt,
um von Heldinnen wie ihr entdeckt zu werden. Sie zog an dem Saum ihres türkisfarbenen T-Shirts,
das in der feuchten Nachtluft kaum Schutz bot, und schob ihre Brille höher auf die Nase. Ihre
bermudabunten Shorts flatterten bei jeder Windböe, als wollten sie ihr Mut einflüstern.
Ein Rascheln hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Sie drehte sich hastig um, ihr olivfarbener Teint
spannte sich über den Wangenknochen wie über ein gespanntes Pergament. Ihr Atem beschleunigte
sich. Der Wald schwieg. Nur die Schatten bewegten sich, ein Spiel von Mondlicht und Laub, das
gefährlich lebendig wirkte.
„Wenn das jetzt ein Hase ist,“ murmelte sie halblaut, „dann schwöre ich, ich werde hysterisch vor
mir selbst weglaufen.“
Doch kein Hase, keine Maus, kein banaler Waldbewohner kam hervor. Stattdessen setzte sich das
Rascheln fort, wurde tiefer, schwerer, begleitet von einem Knacken wie von biegsamen Ästen, die
unter riesigen Schritten zerbarsten. Sie verharrte, ihre grauen Augen weit aufgerissen. Als
schließlich zwischen Farnkräutern eine Gestalt brach, war Juliane gleichzeitig erleichtert und
entsetzt.
Vor ihr stand ein Mann, oder etwas, das einst ein Mann gewesen sein mochte. Seine Haut hatte die
Farbe von nassem Lehm, aufgesprungen in feinen Rissen. Über den Rücken wucherten Moospolster,
die an alten Grabsteinen hätten wachsen können. Und doch blickte er sie mit Augen an, die fast
menschlich wirkten: dunkel, glühend, voller unerklärlicher Trauer.
„Du bist spät“, sagte er, als hätte er die Geduld vieler Menschenleben hinter sich gesammelt und nun
leicht gereizt in eine Einkaufsschlange redete.
„Ähm… ja, Entschuldigung?“ Juliane schob ihr Haar hinters Ohr, das sich in hartnäckigen
WLAN-artigen Wellen sträubte. Ihre Stimme klang ein wenig quietschig, was sie selbst irritierte.
„Aber: Ich bin mir nicht sicher, ob ich… also ob ich überhaupt verabredet war.“
Der Mann verzog sein moosbewachsenes Gesicht, und es sah aus, als grinsten darin mehrere
Jahrzehnte voller Unkraut. „Du bist Juliane. Gefunden.“
Sie überlegte, ob man in solchen Momenten höflich sein oder doch lieber wegrennen sollte. Bis jetzt
war sie in ihrem Leben höchstens in eine unklare Auseinandersetzung mit einer sehr aggressiven
Gans geraten, aber niemals mit einem moostragenden Wesen, das ihren Namen kannte.
„Und was… kann ich für dich tun?“ hörte sie sich sagen, obwohl sie gehofft hatte, die Worte würden
in einem Nebel aus Zurückhaltung steckenbleiben.
Der Mann hob eine Hand, in der Erde bröselte wie vergessener Zucker. „Das Gleichgewicht kippt.
Die Wälder sterben, die Flüsse verstummen. Es braucht eine Wächterin. Es braucht dich.“
Juliane lachte. Sie lachte so, wie man lacht, wenn man freundlich bleiben will, obwohl man
überzeugt ist, dass einem gerade jemand eine Mitgliedschaft im intergalaktischen Fitnessstudio
andrehen möchte. „Ha! Mich? Also… nein. Ich bin keine Wächterin. Ich bin Juliane, und das
Heldenhafte an mir beschränkt sich darauf, dass ich einmal ein IKEA-Regal alleine aufgebaut habe,
ohne dass eine Schraube übrig blieb.“
Das Wesen trat näher, so nah, dass Juliane den Geruch feuchten Bodens wahrnahm, gemischt mit
dem süßen Aroma von Moder, das seltsamerweise beruhigend wirkte. „Du trägst das Mal. Es ist
kein Zufall, dass du hier bist.“ Seine Fingerspitze deutete auf das kleine Muttermal an ihrer rechten
Wange, das sie bislang für nichts weiter als kosmetische Eigenart gehalten hatte.
„Ach komm,“ sagte sie und versuchte, wackeren Humor in die Stimme zu legen, „das Ding? Das
habe ich von Geburt an. Das Mal ist nicht magisch, es ist höchstens meine persönliche
Verwechslungsgefahr auf Fotos.“
„Das Licht alter Sterne hat es dir gegeben.“
Juliane atmete lang aus. Nun ja, immerhin war die Steigerung von Gans zu uraltem, lehmbedeckten
Waldwesen in einem Lebenslauf durchaus bemerkenswert. Aber tief drinnen, in diesem
unvernünftigen Bereich zwischen Herz und Verstand, klopfte plötzlich eine Frage: Was, wenn es
stimmte?
Sie trat auf den Steinblock in der Mitte der Lichtung zu und legte eine Hand auf die kalte
Oberfläche. Unter ihren Fingern begann der Fels zu vibrieren, kaum spürbar zuerst, dann deutlich.
Ein Laut, tief und getragen, kroch heraus, als ob eine unsichtbare Stimme den Klang von
Jahrhunderten gesammelt hätte.
Juliane fuhr zurück und stolperte fast. „Oh. Oh nein. Das war ich nicht. Oder… war ich das?“
Die moosige Gestalt neigte ihr Haupt. „Du hast den Ruf beantwortet. Die Tür ist offen. Jetzt gibt es
kein Zurück.“
Die Lichtung begann sich zu verändern. Der Nebel kroch zwischen den Stämmen hervor wie
neugierige Katzen und sammelte sich über dem Stein. Ein schwacher Schimmer glitt darüber,
golden und zerbrechlich, wie die späte Abendsonne im Sommerurlaub, die jeden so aussehen lässt,
als hätte er gesünder gelebt, als er tatsächlich hat.
Julianes Herz schlug schmerzhaft schnell. Sie riss sich los von diesem Blick ins Unfassbare und
funkelte den Moosmensch an. „Was, bei allen Käsekuchen dieser Welt, soll das heißen: ‚Kein
Zurück‘?“
Er antwortete ruhig: „Der Pfad wählt seine Reisende. Und die Reisende… bist du.“
Juliane öffnete den Mund. Doch bevor sie protestieren konnte, brach der Nebel auf, und aus dem
Licht stieg etwas empor, das aussah wie ein Schwert. Doch nicht aus Metall, es war aus kristallinem
Feuer geformt, das flackerte, ohne zu wärmen, und das dennoch so greifbar schien wie die Angst in
ihrer Brust.
„Nimm es“, sagte die Gestalt.
Ihre Hände hoben sich unwillkürlich. Für einen Moment glaubte sie noch, sie könnte lachen und das
alles wegwischen wie einen Kindheitstraum. Doch als ihre Fingerspitzen das seltsame, flammende
Material berührten, zog der Schimmer in ihr Inneres. Hitze durchflutete sie, als hätte ihr Herz sich
plötzlich mit einem zweiten Puls verbunden.
Juliane schrie, und ihr Schrei war weder ganz schmerzvoll noch ganz befreit.
Die Gestalt verneigte sich. „Nun beginnt es.“
Hinter ihr rauschten die Wälder auf, als bliesen tausend unsichtbare Riesen Atem in die Blätter. Der
Boden bebte, die Lichtung wurde gleißend hell.
Juliane hielt das Schwert, zitternd, und wusste, dass ihre Welt in diesem Augenblick unwiderruflich
endete.
Und gerade als sie den ersten Schritt nach vorn tat, zerschnitt ein eisiger Ruf die Nacht. Irgendetwas
Unbekanntes, etwas noch viel Größeres, hatte sie bemerkt.
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