Leseprobe: Krimi
Nick Renner
Nick wuchs in einer unscheinbaren Kleinstadt auf, wo er schon früh spürte, dass ihn das Beobachten von Menschen und das sorgfältige Ergründen verborgener Zusammenhänge mehr fesselte als jedes Spiel. Während andere seiner Altersgenossen schnelle Wege suchten, entschied er sich für ein Studium analytischer Fächer und begann danach eine Laufbahn als Detektiv, in der er seine geduldige Art und seine körperliche Disziplin miteinander verband. Ein schwerer Fall, der ihn an die Grenzen seiner moralischen Überzeugungen führte, ließ ihn innehalten und brachte ihn dazu, sein Verständnis von Gerechtigkeit zu hinterfragen. Von da an gewann Nick Renner den Ruf, nicht nur Täter aufzuspüren, sondern auch Menschen wieder Orientierung zu geben, die im Schatten des Lebens verloren gegangen waren. Heute lebt er bewusst mit der Haltung, dass jedes neue Rätsel zugleich die Chance birgt, ein Stück mehr über sich selbst zu begreifen.
Kapitel 1
Der Regen hing über Wien wie ein schmutziger Vorhang, der nicht gewaschen werden wollte. Tropfen liefen von den bröckeligen Balkonen der Ottakringer Häuser herunter und sammelten sich in braunen Pfützen, die den Boden beinahe verschluckten. Nick Renner zog den Kragen seines pastellrosa Hemdes hoch, was weder besonders stilvoll noch besonders praktisch war, aber immerhin ließ es ihn weniger wie ein bunter Farbfleck im Grau der Straße wirken. Sein Hut saß tief auf der Stirn, das Wasser perlte von der schmalen Krempe ab, während seine blauen Augen das flackernde Blaulicht musterten, das den düsteren Hinterhof in eine groteske Bühne verwandelte.
Ein Polizist mit einem Bauch, der seine Uniform schon länger in die Verzweiflung trieb, hob warnend die Hand. „Sorry, Herr Renner, Tatort noch gesperrt.“
Nick grinste schmal. „Glauben Sie mir, ich habe nichts dagegen, wenn man mir das Offensichtliche erklärt. Hilft sehr beim Denken.“
Der Polizist blinzelte und schien kurz nachzudenken, ob ihm gerade ein Kompliment oder eine Ohrfeige serviert worden war. Letztlich entschied er sich offenbar für Resignation und trat beiseite. „Aber anfassen dürfen Sie nix.“
„Keine Sorge. Ich fasse generell nichts an, das im Dreck liegt.“
Nick trat in den Hinterhof. Der Gestank nach altem Urin und kalten Pommes schoss ihm in die Nase, wie eine schlechte Erinnerung, die zu früh zurückgekehrt war. Die Leiche lag mitten zwischen zwei Mülltonnen, surreal in diesem Bild des Elends: ein Mann in teurem Anzug, das Hemd fein, die Schuhe glänzend, als hätte er in der Sekunde vor seinem Tod noch einen Butler angeherrscht, sie zu polieren. Der Anblick war absurd, so absurd wie ein Waldorfpianist auf einem Straßenfest für Motorräder.
Nick kniete sich neben den Körper. Blut klebte an den Pflastersteinen wie dunkle Farbe, aber es war weniger davon, als er erwartet hätte. Kein Kampf, kein Chaos. Der Mann war einfach gefallen, als hätte ihn jemand geräuschlos aus der Welt gestreichelt.
„Das ist Victor Karner“, flüsterte jemand hinter ihm. Eine Stimme, in der die Mischung aus Respekt und Geringschätzung klang.
Nick drehte sich um und blickte in die schmalen Augen einer jungen Kommissarin. Dunkles Haar, strenger Knoten, der durch den Regen allerdings bereits den Geist aufgab. „Der Karner? Medienhaus Karner? Österreichs ungeliebter König von allem, was jemals in Druckerschwärze getränkt wurde?“
„Der gleiche. Gestern noch im Learjet, heute im Gossenbett.“
Nick lachte trocken. „Manche müssen eben einen weiten Umweg nehmen, um bodenständig zu wirken.“
Die Kommissarin zog die Brauen zusammen, als sei sie unsicher, ob sie sich diesen Humor gefallen lassen wollte, entschied sich jedoch für das kleinere Übel und seufzte. „Er wurde hier abgelegt. Das ist sicher. Wäre er hier gestorben, hätten die Nachbarn etwas gehört. Außerdem…“ Sie deutete auf den Boden, auf die sauberen Absatzspuren, die sich viel zu ordentlich durch den Dreck wandten.
Nick sah sie eine Weile an. „Dann war es jemand, der wusste, wie man nicht nur Karner, sondern auch Spuren behandelt.“
Sie nickte, eher unruhig. „Sie kennen sich besser aus mit solchen Fällen. Deswegen… hat man Sie gebeten, hinzusehen.“
Nick musterte erneut die Leiche. Mit Victor Karner hatte er – indirekt – zu tun gehabt. Der Mann hatte in der Stadt ganze Existenzen heruntergeschrieben und Karrieren nach Belieben gekauft oder zerschlagen. Nick erinnerte sich noch gut an das leuchtende Karner-Gebäude am Donaukanal, das bei Nacht wirkte wie ein Leuchtfeuer des Machtmissbrauchs. Und jetzt lag der Besitzer dieses Imperiums in einem Hinterhof von Ottakring, wo keiner der Bewohner auch nur eine Karner-Tageszeitung hätte bezahlen können.
Ein Betrunkener schwankte am Tatort vorbei, blieb kurz stehen und rief: „Heast, is des da glei der Herr Fernseher?“
„Gehen Sie weiter“, blaffte die Kommissarin.
Nick konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wien war eine Stadt, die selbst ihre Toten mit Ironie behandelte.
Er holte tief Luft, die feucht-kalte Nacht kroch in seine Lungen. Etwas stimmte nicht. Karner war nicht irgendwer. Karner war zu groß, zu öffentlich, zu mächtig. Wenn jemand ihn ausgerechnet hier ablegte, dann war es ein Statement. Eine Botschaft, die er noch nicht entziffern konnte.
„Haben Sie die Taschen durchsucht?“ fragte Nick.
„Leer.“
„Keine Uhr?“
„Keine Uhr.“
„Seltsam. Karner soll doch nie ohne seine goldene Rolex gesehen worden sein. Als wäre sie ein Teil seiner Hand.“
Die Kommissarin sah ihn an, unsicher. „Vielleicht Raub?“
Nick schüttelte den Kopf. „Raub erklärt nicht, warum man den mächtigsten Mann der Medien mitten in Wien entsorgt wie ein altes Sofa. Nein, das hier ist ein Spiel. Und jemand hat gerade die erste Figur vom Brett genommen.“
Er erhob sich, sein Hemd spannte sich über der athletischen Statur, während sein Hut den Schatten über sein Gesicht warf. Für einen Augenblick sah es so aus, als hätten die Lichter der Polizei das makabre Bild in einem Neonrahmen eingefangen.
Nick trat näher an die Kommissarin. „Halten Sie sich bereit. Das wird nicht bei einer Leiche bleiben.“
Sie schluckte. „Woher wollen Sie das wissen?“
Nick blickte auf den leblosen Körper Victor Karners, dessen Lippen seltsam voll und friedlich wirkten, als hätte er keine Ahnung gehabt, dass er im Armenviertel enden würde. Etwas wie ein Zucken lief über Nicks Gesicht. Vielleicht ein Schatten eines Gedankens, der sich noch formte, vielleicht nur der Regen.
„Weil die Stadt ihre Geheimnisse nie freiwillig preisgibt. Man muss sie ihr entreißen. Und jedes Mal blutet sie ein bisschen mehr dabei.“
Noch während er sprach, erklang aus der Ferne ein schriller Laut. Kein Polizeisignal. Kein zufälliger Schrei. Sondern ein metallisches Kratzen, gefolgt von einem dumpfen Knall. Nick spannte sich an. Dieses Geräusch war kein Zufall.
Die Kommissarin griff nach ihrer Waffe, aber Nick legte nur die Hand auf seinen Hut, als müsse er das vertraute Stück Stoff sichern, bevor der Abend ihn endgültig verschluckte.
Ein weiterer Laut hallte durch die Gasse, diesmal näher, dunkler.
Nick wusste, dass er gerade in eine Geschichte hineingezogen worden war, die viel größer war als eine Leiche zwischen zwei Mülltonnen. Und dass die Stadt Wien nun begann, ihre dunkelsten Seiten umzublättern.
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