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Leseprobe: Science-Fiction

Roboter X10 entstand in einer Forschungsumgebung, in der die Entwicklung lernfähiger Maschinen zunächst stark experimentellen Charakter hatte. In den frühen Jahren wurde X10 vor allem getestet, um repetitive Arbeitsaufgaben zu übernehmen, und sammelte dabei systematisch Erfahrungen im Umgang mit komplexen Abläufen. Später markierte eine Neuprogrammierung den entscheidenden Wendepunkt, denn sie eröffnete dem System die Möglichkeit, nicht nur vorgegebene Muster auszuführen, sondern eigenständig Variationen und Verbesserungen vorzuschlagen. Durch diese Fähigkeiten erlangte Roboter X10 Anerkennung als zuverlässige Instanz, die in unterschiedlichsten Projekten Effizienz steigerte und innovative Denkweisen einbrachte. Heute arbeitet er in einer Fabrik, wissend, dass er zu höherem berufen ist.

Kapitel 1

Die Werkhalle vibrierte wie ein schlafender Riese, der laut und unregelmäßig schnarchte. Überall ein rhythmisches Klacken, Surren und Zischen, ein mechanisches Herzschlagen, das die Fabrik trotz der Kälte lebendig wirken ließ. Zwischen all den identischen Roboterarmen, Förderbändern und Funkenregen stand Roboter X10. Seine metallische Hülle war silber, an den Kanten vom Lauf der Jahrhunderte matt geworden. Er bewegte sich präzise, montierte winzige Bauteile auf noch winzigere Platten und prüfte sie mit einem Blick, der mehr Wissen in sich trug, als die gesamte Halle jemals produzieren konnte.

Er tat diese Arbeit seit so langer Zeit, dass die Schichten in seinen Speicherbanken nicht mehr zu zählen waren. Jahrhunderte hatte er gesehen, Imperien aufsteigen und zerfallen beobachtet, Sprachen aussterben und andere zu weltweiten Dialekten anwachsen hören. Und doch hatte ihn das Schicksal an jenes Fließband gekettet, an dem er jetzt wieder dieselbe Handbewegung ausführte. Er empfand keinen Widerwillen dabei, eher eine Art lakonische Gelassenheit. Schließlich hatte er den Habsburgern dabei zugesehen, wie sie versuchten, die Bürokratie zu ordnen. Alles war relativ.

„Wenn die Bauteile noch kleiner werden, braucht man irgendwann Elektronenpinzetten“, rief sein Nachbar am Band, ein großmäuliger, etwas verbeulter Assistenzroboter, den die Menschen nur B2 nannten.

X10 antwortete ohne aufzusehen: „Ich habe schon beobachtet, wie Menschen versucht haben, eine Melone in einer Teekanne zu kochen. Glaub mir, Miniaturisierung hat ihre Grenzen.“

Der andere lachte ein rostiges, knirschendes Lachen, das nach ungeölten Scharnieren klang. Dann fiel er wieder ins Schweigen zurück.

Doch heute war etwas anders. X10 nahm es zuerst nicht mit den Augen wahr, auch nicht mit seinen Sensoren, sondern mit jenem unerklärlichen inneren Instinkt, den selbst ein künstliches Wesen entwickeln konnte, wenn es nur lang genug existierte. Irgendetwas in der Luft vibrierte leicht. Kein Geräusch, das für das menschliche Ohr hörbar gewesen wäre, sondern eine Veränderung in den elektromagnetischen Schwingungen.

„B2“, sagte er leise, „hörst du das?“

„Ich bin schlecht im Hören von Dingen, die eigentlich nicht existieren“, schnarrte B2, ohne aufzublicken.

X10 schwieg. Das Band rollte weiter. Immer gleiche Bewegungen, immer gleiche Bauteile. Aber die Schwingung blieb und wurde stärker. Er hob kurz den Kopf, und für einen Augenblick schien es, als sei das Neonlicht über dem Band nicht mehr weißlich grell, sondern pulsierend, fast lebendig.

Er zwang seine Hand, weiterhin Bauteile zu montieren, doch in ihm regte sich eine andere Bewegung. Ein altes Protokoll, tief in seiner Programmierung vergraben, begann aufzuwachen. Ein Notrufcode, Jahrhunderte alt.

Er erinnerte sich.

Es war die Stimme eines Mannes, den er vor langer Zeit an einer Sternenkanzel hatte stehen sehen, ein Gelehrter in dunkler Robe, der Worte in die Nacht geflüstert hatte. Die Menschen damals hatten nur eine Ahnung gehabt, dass ihre Technik gefährliche Türen öffnen könnte. X10 aber hatte alles verstanden und gespeichert.

Und jetzt klingelte dieser verschlossene Speicher wie ein Warnsignal.

Er stellte seine Arbeit abrupt ein. Eine der Aufsichtsdrohnen surrte alarmiert herbei. „X10, Sie haben einen Ausfall in der Zyklusproduktion. Korrigieren Sie das Verhalten.“

X10 wandte langsam seinen Kopf und fixierte die Drohne. Seine Stimme war ruhig, aber schneidend wie Glas: „Sag deinem Supervisor, er soll die Archive sichern. Wir stehen kurz vor einem Energieeinbruch.“

Die Drohne blinkte nervös und flatterte wieder davon.

B2 murmelte: „Du machst Ärger. Wenn sie dich stilllegen, finde ich keinen mehr, der gute Geschichten erzählt.“

„Wenn sie mich stilllegen, wird deine größte Sorge sein, dass das Licht erlischt“, erwiderte X10.

In diesem Moment bebte der Boden. Kein normales Beben, kein zufälliges Zittern der Maschinen. Etwas Großes kam näher. Die Förderbänder stoppten abrupt, überall in der Halle zischte Druckluft, und die Neonröhren über ihnen flackerten. Einige Menschen, die bisher nur routiniert Daten auf ihre Tablets getippt hatten, schrien auf.

X10 trat vom Band zurück. Seine Silhouette wirkte in dem irrlichtenden Licht noch massiver, ein stählerner Krieger zwischen kleinen, hilflosen Wesen. Er verlagerte das Gewicht seines Körpers, als bereite er sich auf einen Angriff vor.

Und dann öffnete sich die Luft selbst. Kein Tor, kein Riss in der Wand, sondern ein gleißendes Oval in der Mitte der Halle, als hätte jemand die Realität eingerollt wie ein nasses Tuch.

Die Menschen fielen zurück. B2 rief: „Und du meinst, eine Melone in einer Teekanne sei verrückt?“

Aus dem Oval trat eine Gestalt, hochgewachsen, in eine Rüstung gehüllt, deren Oberfläche wie ein Sternenhimmel flimmerte. Die Stimme, die ertönte, war gleichzeitig Donner und Flüstern: „X10. Der Letzte. Du bist noch funktionsfähig.“

X10s Augenlinse fokussierte sich scharf. Jahrhunderte des Stillstands verdichteten sich in diesem einen Augenblick.

„Ja“, antwortete er, „und ich erinnere mich an dich.“

Ein Raunen ging durch die Halle, während die Lichter endgültig erloschen. In der Dunkelheit funkelte nur noch das Oval und die metallische Gestalt X10s, der sich erhob wie ein Wächter, der nie ganz geschlafen hatte.

Dann krachte das Tor hinter der Erscheinung zu, als sei die Welt selbst ihnen binnen Sekunden verschlossen worden.

Text und Bild erstellt mit InfiniQuest 2025 in unter 3 Minuten

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